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Die eigene Zeit spüren

Was Tanz über Rhythmus, Pausen und unser Zeitgefühl erzählt


Warum der Sommer eine Einladung zum Nachspüren ist


Wir leben in einer Zeit, in der vieles schnell gehen muss. Termine folgen aufeinander, Aufgaben werden getaktet und oft scheint es darum zu gehen, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu schaffen.

Doch unser Körper funktioniert nicht nach diesem Prinzip.

Er kennt unterschiedliche Rhythmen. Er braucht Aktivität und Erholung, Spannung und Entspannung, Bewegung und Pause. Und manchmal braucht eine Entwicklung einfach Zeit.

Tanz kann uns helfen, diese eigene Zeit wieder wahrzunehmen.

Nicht als abstrakte Größe, sondern ganz unmittelbar: im Atem, in der Bewegung, im Rhythmus und in der Begegnung mit anderen.


Was Tanz über Rhythmus, Pausen und unser Zeitgefühl erzählt: Tanz kann uns helfen, die eigene Zeit wieder wahrzunehmen.

Zeit ist nicht für alle gleich

Ein und derselbe Moment kann sich völlig unterschiedlich anfühlen.

Eine Minute des Wartens kann lang erscheinen. Eine Stunde mit einem Menschen, mit dem wir uns wohlfühlen, kann dagegen wie im Flug vergehen. Ein Augenblick voller Aufregung kann sich ausdehnen, während Routinen manchmal kaum bewusst wahrgenommen werden.

Der Zeitforscher Karlheinz A. Geißler beschäftigt sich seit vielen Jahren mit unserem Umgang mit Zeit. Dabei geht es ihm nicht nur um Zeitmessung, sondern um die Frage, wie wir Zeit erleben und gestalten.

Besonders eindrücklich ist sein Gedanke:

„Was wir Zeit nennen, ist das Werden und Vergehen bei uns selber.“

Damit wird Zeit zu etwas zutiefst Persönlichem.

Wir haben nicht einfach Zeit.

Wir erleben Zeit.


Der Körper hat seinen eigenen Rhythmus

Unser Körper erzählt ständig von Zeit.

Wir atmen ein und aus. Unser Herz schlägt. Muskeln spannen sich an und lassen wieder los. Wir werden aktiv und werden müde. Wir gehen vorwärts und bleiben stehen.

Diese Rhythmen sind nicht vollständig unserem bewussten Willen unterworfen. Und gerade darin liegt etwas Wichtiges: Wir sind keine Maschinen, die jederzeit dieselbe Leistung erbringen können.


Unser Körper kennt unterschiedliche Phasen und Geschwindigkeiten.

Auch Rudolf Laban, einer der bedeutendsten Wegbereiter der modernen Tanz- und Bewegungslehre, beschäftigte sich intensiv mit der zeitlichen Gestaltung von Bewegung.

Eine Bewegung kann schnell oder langsam sein. Sie kann plötzlich entstehen oder sich allmählich entwickeln. Sie kann beschleunigen, abbremsen oder innehalten.

Dabei verändert sich nicht nur das Tempo, sondern vor allem auch der innere Antrieb und die Motivation dahinter.

Die Bewegung bekommt eine andere Qualität.

Ein langsamer Schritt kann entweder vorsichtig oder entschlossen wirken. Eine schnelle Bewegung kann impulsiv erscheinen oder auch Unsicherheit präsentieren. Ein plötzliches Anhalten kann Spannung erzeugen. Eine lange Pause kann etwas sichtbar machen, das vorher verborgen war.

Zeit wird dadurch zu einem Ausdrucksmittel.


Takt ist nicht dasselbe wie Rhythmus

Im Alltag sprechen wir häufig von Rhythmus, wenn wir eigentlich einen festen Takt meinen.

Doch zwischen beidem liegt ein entscheidender Unterschied.

Ein Takt gibt eine regelmäßige Struktur vor. Rhythmus ist lebendiger. Er kann sich verändern, beschleunigen, verlangsamen und Pausen enthalten.

Auch unser Leben braucht diesen lebendigen Rhythmus.


Es gibt Zeiten des Aufbruchs und Zeiten des Wartens. Zeiten, in denen wir viel Energie haben, und Zeiten, in denen wir Rückzug brauchen.

Wenn wir versuchen, immer gleich schnell zu funktionieren, geraten wir leicht in einen Konflikt mit unserem eigenen Körper.

Vielleicht geht es deshalb nicht darum, immer das richtige Tempo zu finden – sondern das eigene Tempo wahrzunehmen.


„Lerne auf dich selber zu hören“

Geißler wurde einmal gefragt, welchen Rat er seinen Enkeln für den Umgang mit Zeit geben würde.

Seine Antwort:

„Lerne auf dich selber zu hören, wie du dich erlebst und Ereignisse empfindest, die du hast.“

Dieser Gedanke passt unmittelbar zu körperorientierter Arbeit.

Denn bevor wir unser eigenes Tempo verändern können, müssen wir es zunächst wahrnehmen.

Wie fühlt sich Eile in meinem Körper an?

Wie fühlt sich Ruhe an?

Wann werde ich schneller, obwohl ich eigentlich müde bin?

Wann halte ich mich zurück?

Wann brauche ich eine Pause – und erlaube sie mir trotzdem nicht?

Unser Körper kann Hinweise geben, die unser Verstand längst überhört hat.


Die Pause ist Teil der Bewegung

Was passiert, wenn wir mitten in einer Bewegung stehen bleiben?

Zunächst vielleicht: nichts.

Doch bei genauerem Hinsehen verändert sich alles.

Die Spannung bleibt. Der Atem wird spürbar. Erwartungen entstehen. Der nächste Schritt bekommt Bedeutung.

Eine Pause ist nicht die Abwesenheit von Bewegung. Sie ist selbst eine Qualität von Bewegung.

Das gilt auch für unser Leben.

Pausen ermöglichen Nachspüren. Sie schaffen Übergänge. Sie geben Erfahrungen die Möglichkeit, sich zu setzen.

In einer Gesellschaft, in der freie Zeit schnell wieder mit Aktivitäten gefüllt wird, kann bewusstes Innehalten deshalb fast schon zu einer kleinen Gegenbewegung werden.


Nicht noch etwas erledigen.

Nicht sofort reagieren.

Nicht gleich weitermachen.

Sondern:

Da sein.


Den eigenen Rhythmus wiederfinden

Vielleicht ist das eine der wertvollsten Fragen, die wir uns stellen können:

Wie möchte ich eigentlich meine Zeit erleben?

Nicht:

Wie viel schaffe ich?

Wie schnell bin ich?

Wie produktiv bin ich?


Sondern:

Was brauche ich gerade?

Wann ist Zeit für Bewegung?

Wann für Ruhe?

Wann für Begegnung?

Wann für Entwicklung?

Und wann einfach für einen Moment, in dem nichts geschehen muss?


Unser eigenes Zeitgefühl beginnt dort, wo wir wieder lernen, unserem Erleben Aufmerksamkeit zu schenken.

Vielleicht müssen wir dafür gar nicht mehr Zeit haben.

Vielleicht müssen wir nur beginnen, die Zeit, die da ist, anders zu erleben.

 
 
 

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