Wenn Bewegung trägt – Wie Fluss, Resilienz und Selbstwirksamkeit zusammenhängen
- Teresa Fritsch
- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Der Moment, in dem wir wieder Einfluss spüren
Es gibt Augenblicke im Leben, in denen wir das Gefühl haben, die Dinge entgleiten uns. Pläne verändern sich, äußere Bedingungen werden schwieriger, vertraute Sicherheiten verschwinden.
In solchen Momenten entscheidet sich etwas Wesentliches: Erleben wir uns als ausgeliefert – oder als handlungsfähig?
Genau hier kommt ein zentraler Begriff aus der Resilienzforschung ins Spiel: Selbstwirksamkeit.

Selbstwirksamkeit – der Motor innerer Stärke
Der Begriff der Selbstwirksamkeit beschreibt das Vertrauen eines Menschen in die eigene Fähigkeit, Herausforderungen bewältigen und Situationen gestalten zu können.
Menschen mit hoher Selbstwirksamkeit glauben:
Ich kann etwas verändern
Mein Handeln hat Wirkung
Auch schwierige Situationen lassen sich beeinflussen.
Diese Haltung ist einer der wichtigsten Faktoren für Resilienz.
Denn Resilienz bedeutet nicht, dass das Leben immer leicht ist. Resilienz bedeutet, mit Herausforderungen umgehen zu können.
Der Körper weiß oft mehr als der Kopf
Spannend ist: Selbstwirksamkeit entsteht nicht nur durch Denken oder Analyse.
Sie entsteht vor allem durch Erfahrung.
Der Körper spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Wenn wir uns bewegen, tanzen, gestalten, erleben wir unmittelbar:
Ich kann meinen Körper bewegen
Ich kann Entscheidungen treffen
Ich kann reagieren und neue Wege finden
Der Körper wird zu einem Erfahrungsraum für Handlungskraft.
Der Fluss der Bewegung
Der Bewegungsforscher Rudolf Laban beschrieb mit seinen Bewegungsstudien grundlegende Qualitäten menschlicher Bewegung. Eine davon ist der Fluss – also die Art und Weise, wie Bewegung fortgesetzt, gehalten oder freigegeben wird.
Bewegung kann dabei frei fließend sein, spontan und kontinuierlich, oder gebunden, kontrolliert und zurückgehalten.
Doch die Bewegungsforscherin und Psychoanalytikerin Judith Kestenberg ging noch einen Schritt weiter. Sie stellte fest, dass Fluss eigentlich kein Antrieb im gleichen Sinne wie Raum, Zeit oder Kraft ist.
Für sie ist Fluss vielmehr Ausdruck eines Spannungsflusses, der von Anfang an im menschlichen Körper vorhanden ist.
Schon als Säuglinge bewegen wir uns im Wechsel von Spannung und Entspannung, von Halten und Loslassen, von Verdichten und Freigeben. Diese rhythmischen Muster begleiten uns ein Leben lang und prägen, wie wir uns bewegen, fühlen und auf die Welt reagieren.
Der Spannungsfluss ist also nicht etwas, das wir erst erlernen müssen – er gehört zu unserer grundlegenden körperlichen Organisation.
Resilienz im Rhythmus von Spannung und Loslassen
Gerade diese Fähigkeit, zwischen Spannung und Entspannung zu wechseln, ist auch ein wichtiger Schlüssel für Resilienz.
Resilienz bedeutet nicht, ständig stark oder stabil zu sein. Resilienz bedeutet vielmehr, beweglich zu bleiben.
Es bedeutet:
Spannung aufnehmen zu können
sie wieder loszulassen
sich anzupassen
neue Wege zu finden
Der Körper kennt diesen Rhythmus von Natur aus.
Wenn wir tanzen oder improvisieren, können wir diese Fähigkeit wieder bewusst erleben: Bewegung entsteht, wird gehalten, verändert sich und fließt weiter.
In diesem Prozess lernen wir immer wieder neu, mit dem umzugehen, was gerade da ist.
Selbstwirksamkeit im Körper erfahren
Wenn wir uns bewegen, treffen wir ständig kleine Entscheidungen.
Wir verändern Richtung, Tempo oder Intensität. Wir reagieren auf Raum, Musik oder andere Menschen.
All diese Momente vermitteln eine zentrale Erfahrung:
Ich kann gestalten.
Genau das beschreibt der Begriff Selbstwirksamkeit – das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Situationen beeinflussen und Herausforderungen bewältigen zu können.
Im Tanz wird diese Erfahrung unmittelbar körperlich spürbar.
Selbst kleine Veränderungen können große Wirkung haben:
eine neue Bewegungsrichtung
ein anderer Rhythmus
eine unerwartete Geste
Plötzlich entsteht ein neuer Bewegungsfluss.
Der Körper erlebt: Ich habe Handlungsspielraum.
Kreative Medien als Brücke zur Selbstwirksamkeit
Spannend wird dieser Prozess auch, wenn zusätzliche Medien ins Spiel kommen.
Ein Beispiel ist der Stock im Tanz.
Plötzlich verändert sich die Bewegung: Der Stock gibt Impulse, verlängert den Körper, schafft Verbindung oder markiert Abstand.
Er kann:
Kontakt ermöglichen
Grenzen sichtbar machen
neue Bewegungsqualitäten anregen.
Der Stock wird damit zu einem Dialogpartner im Tanz.
Zwischen zwei Menschen entsteht ein bewegter Austausch – ein Spiel mit Nähe, Distanz, Spannung und Fluss.
Wenn Bewegung zu Gestaltung wird
Am Ende geht es im Tanz – wie im Leben – um eine grundlegende Erfahrung:
Wir können gestalten.
Auch wenn der Raum klein ist. Auch wenn äußere Bedingungen begrenzen. Auch wenn andere Menschen andere Wege wählen.
Resilienz zeigt sich nicht darin, perfekte Bedingungen zu haben.
Sie zeigt sich darin, mit dem zu arbeiten, was vorhanden ist.
Der Körper erinnert uns immer wieder daran:
Es gibt nicht nur einen Weg. Es gibt viele Möglichkeiten, Bewegung fortzusetzen.
Und manchmal beginnt Veränderung ganz einfach damit, dass wir dem inneren Fluss der Bewegung wieder vertrauen.



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